Ich sage, wenn Homöopathie nicht passt
Es gibt Situationen, die in ärztliche Hände gehören — sofort. Aus der Pflege weiss ich ziemlich genau, wo diese Grenze verläuft. Ich spreche das offen an, statt es zu umgehen.
Drei Jahrzehnte am Krankenbett haben mir gezeigt, was zwischen zwei Terminen oft keinen Platz hat. Heute begleite ich dich im Thurgau mit klassischer Homöopathie — mit nüchternem Blick und viel Zeit fürs Zuhören.
Ich bin nicht über die Homöopathie zum Menschen gekommen, sondern über den Menschen zur Homöopathie. Als Pflegefachfrau habe ich über dreissig Jahre mit Menschen gearbeitet, deren Beschwerden gut dokumentiert waren — und die sich trotzdem nicht wirklich gesehen fühlten. Es gab Diagnosen, Medikamentenpläne, Verlaufskurven. Was es selten gab, war Zeit für die Frage, wie es dieser Person eigentlich geht.
Die Homöopathie hat mich angezogen, weil sie diese Frage an den Anfang stellt. Nicht «welche Krankheit hat dieser Mensch», sondern «wie äussert sich das bei genau diesem Menschen». Zwei Personen mit derselben Diagnose bekommen bei mir mit hoher Wahrscheinlichkeit zwei verschiedene Mittel — weil sie unterschiedlich schlafen, unterschiedlich auf Wärme reagieren, unterschiedlich mit Belastung umgehen.
Was aus der Pflege geblieben ist, ist der nüchterne Teil: Ich romantisiere nichts. Ich weiss, wie eine ernsthafte Verschlechterung aussieht, und ich weiss, wann ein Mensch in die Notaufnahme gehört und nicht in mein Sprechzimmer. Diese beiden Seiten — die Geduld für das lange Gespräch und der klare Blick für die Grenze — gehören für mich zusammen. Ohne die zweite wäre die erste fahrlässig.
Der Einstieg in einen Beruf, in dem man sehr schnell lernt, Menschen zu beobachten statt sie zu beurteilen — und in dem Nähe zum Handwerk gehört.
Schichtdienst, akute Situationen, chronische Verläufe, Menschen am Anfang und am Ende ihres Lebens. Diese Zeit prägt bis heute, wie ich zuhöre — und wo ich Grenzen ziehe.
Mehrjährige Ausbildung nach Hahnemann: Materia Medica, Repertorisation, Fallaufnahme, Fallanalyse. Dazu regelmässige Supervision und Fallbesprechungen in der Fachgruppe.
Eine kleine Praxis im Kemmental, bewusst ohne Grossbetrieb-Takt. Wenige Termine pro Tag, dafür mit Zeit — und mit dem Kontakt zu Ärztinnen und Ärzten, wenn es ihn braucht.
Es gibt Situationen, die in ärztliche Hände gehören — sofort. Aus der Pflege weiss ich ziemlich genau, wo diese Grenze verläuft. Ich spreche das offen an, statt es zu umgehen.
Deine schulmedizinische Behandlung bleibt deine Sache und die deines Arztes. Ich setze nichts ab, ich rate zu nichts, was hinter dem Rücken deiner Ärztin passiert. Begleitung heisst neben, nicht statt.
Wer dir Ergebnisse garantiert, sollte dich misstrauisch machen. Ich kann dir sagen, wie ich arbeite, wie lange es ungefähr dauert und woran wir merken, ob es dir hilft. Mehr nicht — und das ist ehrlich so.
Neunzig Minuten sind bei mir neunzig Minuten. Kein Blick auf die Uhr nach zwanzig, kein halbes Ohr beim Telefon. Das ist der eigentliche Grund, warum ich in dieser Grösse arbeite.
Ein grosser Teil dieser Arbeit findet nicht im Gespräch statt, sondern danach. Nach einer Erstanamnese sitze ich ein bis zwei Stunden über meinen Notizen: Ich ordne, gewichte, streiche wieder, vergleiche Arzneimittelbilder und lege die Unterlagen manchmal über Nacht beiseite, um am nächsten Morgen noch einmal frisch draufzuschauen. Wer schnell entscheidet, entscheidet in dieser Methode meistens falsch.
Dazu kommt die laufende Fortbildung. Die Materia Medica ist keine Sammlung, die man einmal lernt und dann kann — sie umfasst mehrere tausend geprüfte Arzneimittel, und ein grosser Teil des Könnens besteht darin, die Feinheiten zwischen ähnlichen Mitteln zu unterscheiden. Ich lese regelmässig Fachliteratur, besuche Seminare und arbeite mit Repertorien in gedruckter wie digitaler Form.
Besonders wichtig ist mir der Austausch mit Kolleginnen. In regelmässigen Fallbesprechungen legen wir uns gegenseitig schwierige Verläufe vor — anonymisiert, versteht sich. Nichts schärft den Blick so sehr wie jemand, der eine andere Erklärung für dasselbe Bild anbietet. Und nichts schützt so gut vor der Betriebsblindheit, in die man allein in der eigenen Praxis leicht hineinrutscht.
Wenn ich bei einem Fall nicht weiterkomme, sage ich das. Dann besprechen wir gemeinsam, ob ein anderer Weg sinnvoller ist, ob eine ärztliche Abklärung ansteht oder ob es schlicht mehr Geduld braucht. Ein ehrliches «ich weiss es gerade nicht» ist mir lieber als ein Mittel, das ich nur verordne, um etwas zu tun. Genauso halte ich fest, was gewirkt hat und was nicht. Zu jedem Verlauf führe ich Notizen, die ich beim nächsten Termin wieder hervorhole — auch Monate später. Das klingt unspektakulär, ist aber der Unterschied zwischen einer Begleitung, die sich erinnert, und einer, die jedes Mal von vorne anfängt.
Die Praxis liegt an der Schützenstrasse 4 in Siegershausen, einem Ortsteil der Gemeinde Kemmental im Thurgau. Wer aus Kreuzlingen, Weinfelden, Romanshorn oder Münsterlingen kommt, ist in wenigen Minuten da. Parkplätze gibt es direkt vor dem Haus.
Das Zimmer ist bewusst schlicht: ein Tisch, zwei Sessel, Tageslicht, Blick ins Grüne. Keine Wartezimmer-Atmosphäre, kein Betrieb im Hintergrund. Ich lege die Termine so, dass sich niemand im Flur begegnet — was du erzählst, geht sonst niemanden etwas an.
Wenn du zum ersten Mal kommst: Läute einfach, ich mache auf. Es gibt keinen Empfang, keine Anmeldeprozedur und keine Formularmappe.
Termine vergebe ich bewusst so, dass zwischen zwei Konsultationen genug Luft bleibt. Das heisst: Du wartest nicht, und ich hetze nicht. Wenn ein Gespräch fünf Minuten länger braucht, bekommt es diese fünf Minuten. Kurzfristige Anliegen lassen sich meist innert weniger Tage einschieben, für eine Erstanamnese brauche ich etwas mehr Vorlauf im Kalender.